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Re: Kommasetzung
Autor:Pumene
Datum: Dienstag, 17.11.2020, 10:29
Antwort auf: Re: Kommasetzung (Tom)

> Danke! Aber der Satz lautet nun einmal so: "Ein schneller
> Jäger will ich den Wald durchjagen." Daran kann ich nichts
> ändern, möchte nur wissen, ob und nach welcher Regel da ein
> Komma gesetzt werden muss.
Ich versuche es noch einmal auf Deutsch auszudrücken und zu erklären.
Das ist kein Satz, sondern Murks.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Murks
Die deutsche Sprache ist eine Sprache, die in Aussagesätzen zu den Verbzweitstellungssprachen gehört.
Das bedeutet, dass das Prädikat (das Verb) normalerweise an Position zwei des Aussagesatzes ist. Beziehungsweise: das Prädikat, zumindest der sogenannte „finite Teil“ des Prädikats steht normalerweise an Position zwei eines Aussagesatzes. Was ist mit „finiter Teil des Prädikats“ gemeint?
Bei den Verben (Tuwörtern, Tätigkeitswörtern) gibt es zwei verschiedene Gruppen von Formen: die finiten Formen und die infiniten Formen. (fines [lateinisch] heißt Grenze.) Zu den infiniten Formen gehört — wie der Name schon sagt — der Infinitiv, daneben noch die sogenannten Partizipien (Mittelwörter). Die „finiten Formen“ unterscheiden sich dadurch von den finiten Formen, dass sie Person (erste = ich, wir, zweite = du, ihr, dritte = er, sie, es, sie), Numerus (Anzahl, Singular = Einzahl, Plural = Mehrzahl), den sogenannten „Modus“ (Indikativ = Wirklichkeitsform, Konjunktiv = Möglichkeitsform, die Zeit (Präsens = Gegenwart, Präteritum = einfache Vergangenheit, Perfekt = vollendete Gegenwart, Plusquamperfekt = vollendete Vergangenheit, Futur = Zukunft und Futur zwei), das „Genus verbi“ (Aktiv, Passiv) angeben, mit anderen Worten, dass sie das Verb „begrenzen“. Man kann also immer fünf verschiedene Angaben zur finiten Verbform machen.
will ist also entweder: 1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv (ich will) oder 3. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv (er, sie, es will).
Da in der deutschen Sprache nur das Präsens Aktiv und das Präteritum Aktiv einfache Verbformen sind, die anderen Zeiten und „Genus verbi“ verwenden zusammengesetzte Formen, werden Hilfsverben (sein, haben, werden) mit infiniten Verbformen kombiniert, um die anderen Möglichkeiten auszudrücken.
Perfekt: sein oder haben kombiniert mit Partizip II
Plusquamperfekt: sein oder haben (im Präteritum) kombiniert mit Partizip II
Futur: werden kombiniert mit Infinitiv
Passiv: werden kombiniert mit Partizip II usw.
An Position zwei eines normalen Aussagesatzes kann also eine finite Verbform stehen, die das Präsens Aktiv oder das Präteritum Aktiv angibt oder eine finite Verbform eines Hilfsverbs (sein, haben, werden), die mit einer infiniten Verbform (Partizip II, Infinitiv) kombiniert wird. Diese infinite Verbform steht oft am Schluss eines Satzes und wird die „rechte Satzklammer“ genannt, woraus sich für die Position zwei der Pendantausdruck „linke Satzklammer“ ergibt. Ein normaler Aussagesatz besteht also aus folgendem Aufbau:
Position eins = Vorfeld
Position zwei (linke Satzklammer) = finite Verbform des Prädikats
Mittelfeld
gegebenenfalls
rechte Satzklammer
gegebenenfalls
Nachfeld

Das Gebilde, das einen „Satz“ darstellen soll:

Ein schneller Jäger will ich den Wald durchjagen.

ist also folgendermaßen aufgebaut:

Ein schneller Jäger = Vorfeld

will = Position zwei (linke Satzklammer) = finiter Teil des Prädikats

ich = Mittelfeld

den Wald = Mittelfeld

durchjagen = Partizip II = infiniter Rest des Prädikats = rechte Satzklammer

Nachfeld entfällt

Ein Subjekt (Satzgegenstand) steht meistens im Vorfeld; ist das Vorfeld von etwas anderem besetzt, das besonders betont werden soll, steht das Subjekt hinter dem Prädikat (beziehungsweise dem finiten Teil des Prädikats) an Position drei im Mittelfeld.

Für deinen „Satz“ würde gelten:

Entweder ist „ein schneller Jäger“ [im Vorfeld] das Subjekt, dann wäre das Modalverb „will“ (auch Modalverben können die Position zwei besetzen — das habe ich vorhin vergessen zu erwähnen) 3. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv: [er] will — jetzt ergibt das nachfolgende „ich“ keinen Sinn
oder das ich in Position drei im Mittelfeld, das der finiten Verbform will folgt (will = 1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv) — jetzt ist „der schnelle Jäger“ im Vorfeld nicht in den Satz integriert.

Die Überlegung, dass der Satz verkürzt ist aus:

Ein schneller Jäger [bin ich], will ich den Wald durchjagen.

würde bedeuten, dass nicht ein „Satz“, sondern eine „Satzreihe“ ohne die Konjunktion „und“ vorliegt. Dem entgegen steht, dass das zweite Gebilde dieser Satzreihe nicht normal konstruiert ist, denn ein vorstehender vollständiger Hauptsatz [wenn er denn überhaupt vollständig wäre] kann nicht das Vorfeld sein, mit anderen Worten, der zweite Teil dieser Satzreihe hätte kein Vorfeld, sondern das Prädikat (beziehungsweise der finite Teil des Prädikats [will] stünde in Position eins, was äußert ungewöhnlich wäre.

Man könnte auch argumentieren, dass es sich nicht um eine Satzreihe, sondern um ein Satzgefüge mit einem Hauptsatz und einem uneingeleiteten Nebensatz handeln würde. Dann könnte die Position eins durchaus mit dem vorstehenden Nebensatz (Ein schneller Jäger [bin ich], ...] besetzt sein, oder andersherum: der erste Teil mit der Ergänzung „bin ich“ wäre der Hauptsatz des Satzgefüges und Teil zwei „will ich den Wald durchjagen“ ein nachgestellter uneingeleiteter Nebensatz. Aber abgesehen von dem Sinn eines solchen Satzgefüges wäre das Weglassen der zwei Wörter „bin ich“ äußerst merkwürdig.

Wenn Du das Gebilde:

Ein schneller Jäger will ich den Wald durchjagen.

so unverändert stehen lassen willst, musst du dir überlegen:

Ein Satz (eher ein Satzbruch) — kein Komma
Zwei Sätze (Satzreihe oder Satzgefüge) — Komma zwischen Jäger und ich, wobei äußerst merkwürdig wäre, warum der erste Teil dieses Gebildes kein Verb/Prädikat (bin) und auch kein Subjekt (ich) hat.

Gruß

Pumene

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Tom -- Montag, 16.11.2020, 19:54
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