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sogenannt + Anführungszeichen

Viel hilft nicht immer viel: Hebt man ein Wort mit dem vorangestellten Adjektiv »sogenannt« besonders hervor, so ist es überflüssig, das Wort selbst dann noch in Anführungszeichen zu setzen.

Frage:
Häufig begegnet mir in meiner Korrekturpraxis die – in meinen Augen – stilistische Unschönheit, ein mit dem Adjektiv »sogenannt« schon als besonderen Ausdruck herausgestelltes Wort mit Anführungszeichen ein weiteres Mal hervorzuheben. Beispiel: Mit sogenannten »Phishing-Mails« wird versucht, an Bankdaten zu gelangen.

Ich persönlich rate in solchen Fällen stets, entweder das »sogenannt« oder aber die Anführungszeichen wegzulassen, da ich die Konstruktion sonst als redundant empfinde. Liege ich mit meinem Stilempfinden Ihrer Meinung nach richtig?

Ein wenig verunsichert hat mich in der Sache, dass sich im Universalwörterbuch unter »sogenannt« das Beispiel das israelische Parlament, die sogenannte »Knesseth« findet.
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Mein persönliches Stilempfinden liegt ganz auf Ihrer Linie. Auch ich halte die Anführungszeichen nach »sogenannt« in der Regel für redundant.

Wenn allerdings jemand ganz bewusst zwei Hervorhebungsmittel einsetzen möchte, um etwa eine Distanzierung oder eine Fremdheit besonders deutlich auszudrücken, wird man ihm das nicht verbieten können. Auch Nachdrücklichkeit bis hin zur Übertreibung kann ja im Einzelfall legitimes Stilmittel sein.

Vermutlich hat der Autor des Wörterbucheintrags im Universalwörterbuch dies andeuten wollen, als er eins von einem halben Dutzend Beispielen mit Anführungszeichen ansetzte.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Dudenredaktion

Julian von Heyl am 12.06.07
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