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Anfang nächster Woche oder Anfang nächste Woche

genitiv.jpgDiese Woche schafft man es nicht mehr, aber Anfang nächster Woche schon. Letztens wurde mir die Frage gestellt, ob man stattdessen nicht auch schreiben könne, dass man etwas »Anfang nächste Woche« schaffe, und ob diese Flexion nicht sogar die richtige sei. Zu diesem Beitrag wurde ich animiert, weil Google zum Problem mit diesem konkreten Ausdruck (Anfang diese/dieser Woche) keine direkte Antwort liefert.

Die Antwort vorweg: Natürlich ist nur Anfang nächster Woche richtig.

Nächste Woche steht hier im Genitiv. Der Wesfall (Genitiv) verlangt eine entsprechende Flexion. Völlig selbsterklärend ist das auf den zweiten Blick vielleicht nicht, auch wenn die meisten Menschen schon vom Gefühl her nächster Woche schreiben würden. Die Gründe sind hier wohl die, dass man nächste bezüglich seiner Wortform nicht sofort einordnen kann und dass sich »Anfang nächste Woche« gar nicht so falsch anhört.

nahe, nähere, nächste

Nächste ist ein Adjektiv; genauer ist es die Superlativform des Adjektivs »nah/nahe«. Und hier ist die Form für den Genitiv (feminin, Singular) eben »nächster«. Wenn ein bestimmter Artikel vorangeht, dann ändert sich (in diesem Fall) aber auch die Endung des flektierten Adjektivs, weil statt der starken Flexion eine schwache steht: Anfang der nächsten Woche schaffe ich es.

Eine schöne Übersicht zur Flexion von nahe/nah findet man bei canoonet.

Das hört sich nicht falsch an

Einen Beitrag zu diesem Thema hat Bastian Sick in seiner Reihe »Zwiebelfisch-Abc« geschrieben. Darin ging es um den Ausdruck »Anfang dieses Jahres / Anfang diesen Jahres«. Hierbei hilft übrigens auch Google weiter und führt einen recht schnell zum genannten Artikel. In dieser Konstellation ist ebenfalls nur »Anfang dieses Jahres« richtig. »Dieser« ist ein Demonstrativpronomen und die Genitivendung, wenn es mit Jahr (sächlich, Singular) steht, ist »dieses«.

Die Besonderheit ist hier, dass die Endung bei »dieser« nicht wechselt; es ist ein Demonstrativpronomen. Bei Adjektiven wechselt die Flexion, je nachdem, ob ein bestimmter Artikel oder ein Possesivpronomen (besitzanzeigendes Fürwort: mein, dein, sein, ihr, unser, euer, ihr), das Indefinitpronomen »kein« oder der unbestimmte Artikel »ein« vorausgeht.

So wechselt die Flexion:

Starke Flexion (ohne Artikelwort): Anfang vergangener Woche.

Schwache Flexion (mit bestimmtem Artikel): Anfang der vergangenen Woche.

Wechselnde Flexion (mit sonstigem Artikelwort): »Der Anfang eines vergangenen Wochenendes (schwache Flexion) / Kein vergangenes Wochenende (starke Flexion, Singular, Neutrum – Genus, Numerus und Kasus sind nicht schon durch das Artikelwort bestimmt).

Fehler in diesem Bereich werden jedoch häufig gemacht, man findet sie auch in renommierten Zeitungen. Das muss aber nicht sein: Wenn man nicht sicher ist, welche Endung korrekt ist, dann hilft es immer weiter, wenn man den Genitiv mit einem anderen Bezugswort bildet:

Anfang nächste Woche – zu Beginn nächste Woche = falsch
Anfang nächster Woche – zu Beginn nächster Woche = richtig

Sätze, bei denen diese Genitiv-Ungewissheit auftreten kann:

Anfang dieser Woche komme ich zu Dir.
(Falsch: Anfang diese Woche komme ich zu Dir.)

Ich werde es Anfang dieser Woche erledigen.
(Falsch: Ich werde es Anfang diese Woche erledigen.)

Anfang dieses Monats werde ich umziehen.
(Falsch: Anfang diesen Monats werde ich umziehen.)

Im Sommer dieses Jahres erwarten die Wissenschaftler Rekordtemperaturen.
(Falsch: Im Sommer diesen Jahres erwarten die Wissenschaftler Rekordtemperaturen.)

Ende dieses Quartals werden wir rote Zahlen schreiben.
(Falsch: Ende diesen Quartals werden wir rote Zahlen schreiben.)

Ruwen Schwerin am 27.11.10
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Kommentare

1  Stanislav Malik

Hallo,

im Voraus möchte ich sagen, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist.
Mir ist der Genitiv "nächster" ziemlich klar, aber das Problem habe ich mit der Formulierung "aber Anfang ..." im Beispielsatz "Diese Woche schafft man es nicht mehr, aber Anfang nächster Woche schon."
"Anfang" ist doch ein Substantiv. Wieso sagt man nicht "am Anfang", oder "zu Anfang", oder "anfangs".
Muss ich das als Tatsache sehen, oder hat es eine Begründung?

Gruss, Stanislav

Geschrieben von Stanislav Malik am July 5, 2011 10:25 AM

2  Ruwen Schwerin

Im genannten Beispiel steht das Substantiv Woche zusammen mit dem Adjektiv nächster als Zeitangabe im Genitiv. Es ist hier eine mehrteilige Ergänzung (Attribut) zum Substantiv Anfang, mit dem es eine Wortgruppe bildet: „Anfang nächster Woche“.

Adjektive ohne Artikel werden stark flektiert, würde ein Artikel stehen, müsste es also „Anfang der nächsten Woche“ heißen.

Eine Besonderheit gilt hier für die Demonstrativpronomen dieser / jener: Sie stehen wie Adjektive auch in starker Flexion, wenn kein Artikel vorangeht, wobei der Genitiv Singular Maskulin und Neutrum regulär mit –es gebildet wird und nicht wie bei Adjektiven mit –en.

Damit steht die Wortgruppe des Ausgangsbeispiels in einer Reihe mit anderen Substantiv-Attribut-Gruppen: „Der Hund unseres Nachbars“. Auch im genannten Beispiel könnte ein Artikel stehen: „Der Anfang letzter Woche war vielversprechend“. Als Besonderheit können bzw. müssen Substantive in (reinen) Zeitausdrücken artikellos verwendet werden und auch Präpositionen sind nicht zwingend.

Anfang nächster Woche werde ich Dich besuchen.
Wann besuchst Du mich: Anfang nächster Woche.

Der Anfang letzter Woche war schön.
Was war schön: Der Anfang (letzter Woche).

Die Präposition am (Verschmelzung der Präposition an mit dem Artikel dem) kann aber vorangestellt werden: „am Anfang der nächsten Woche“. Hier würde ich allerdings dem folgenden Substantiv bevorzugt einen Artikel voranstellen, da das ohne Artikel / Präposition stehende Substantiv Anfang in „verkürzten“ Wortgruppen als Zeitangaben runder wirkt (aber auch möglich: „am Anfang nächster Woche“ parallel zu „im Sommer nächsten Jahres“).

Das Adverb anfangs steht standardsprachlich ohne weitere Zeitangaben. Hier „anfangs nächster Woche“ zu schreiben wäre standardsprachlich nicht korrekt. Die Präposition zu kann man ebenfalls voranstellen: „zu Anfang letzter Woche“.

Grüße
Ruwen

Geschrieben von Ruwen Schwerin am July 5, 2011 1:39 PM

3  Matthias

Mich würde nach diesen Ausführungen interessieren, was konkret der Autor unter einem Pronomen versteht.

Und nach dem letzten Kommentar frage ich mich, ob folgender Satz dann nicht falsch sein sollte, wenn Substantive in Zeitausdrücken artikellos gebraucht werden sollen:
Er verbrachte #den ganzen Tag# am PC.

PS: Dem Possessivpronomen fehlt ein s.

Geschrieben von Matthias am May 10, 2016 12:38 PM

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