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Nicht mehr, nicht weniger, ofenfrisch!

ofenfrisch.jpgEs gibt eine kleine Bäckerei in München, die man noch als wirklichen Handwerksbetrieb bezeichnen kann. Jeden Morgen wird der Teig für die Brote, Brötchen, Brezeln und Kuchen frisch angesetzt, man bekommt gehaltvolle Vollkorn-Backwaren, knackige Brote und alles schmeckt frisch und gut. Zwei Bäckermeister, die ihre eigenen Rezepte hüten, ein Familienbetrieb, der auch ausbildet.

Doch im ganzen Geschäft findet sich nirgendwo das Wort »ofenfrisch« – ein Wort, das man heutzutage in nahezu jeder anderen Bäckerei findet. Was für ein Segen! Mir war noch nie ganz klar, weshalb dieses Wort von Bäckereien so selbstverständlich und energisch als Werbung verwendet wird und die Kunden es (scheinbar) ohne Widerspruch als positive Werbebotschaft akzeptieren. Wirkt es sogar verkaufsfördernd?

Ein moderner »Bäcker« nimmt tiefgekühlte Teiglinge (schon geformte, backfertige Teigstücke) aus Plastikverpackungen und schiebt sie in einen Ofen. Er bäckt sie auf. Bei Bäckereiketten mit mehreren Filialen werden Brote und andere größere Backwaren jeden Morgen angeliefert. Wohl, weil in den Filialen kein Platz für genügend Öfen ist oder das ausgelagerte Aufbacken insgesamt preiswerter ist.

Was ist also die Werbeaussage des Wörtchens »ofenfrisch«? Es ist doch wohl selbstverständlich, dass das Brot oder die Brötchen, die man beim Bäcker kauft, vor kurzem im Ofen waren. Maschinell hergestellt, irgendwo, nicht vom Bäcker um die Ecke, mit Zusatzstoffen und aufgeblasen – aber aus dem Ofen!

Nicht mehr, nicht weniger, ofenfrisch!

Interessant: Der Tiefkühl-Lieferant apetito wirbt mit dem netten Wörtchen "tiefkühlfrisch" ...

Ruwen Schwerin am 23.11.10
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