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anvisieren und avisieren

Wenn sich Fremdwörter nur durch einen Buchstaben unterscheiden, kann die Abgrenzung schon schwierig werden. Dies gilt besonders, wenn es in den Bedeutungen noch eine kleine gemeinsame Schnittmenge gibt, wie es bei »anvisieren« und »avisieren« der Fall ist.

Das Verb anvisieren kommt ursprünglich aus dem militärischen Bereich und leitet sich vom »Visier« ab, der Zielvorrichtung von Handfeuerwaffen, deren Bezeichnung wiederum auf das französische viser = aufmerksam hinblicken; auf etwas zielen zurückgeht. Wer etwas anvisiert, nimmt es also im wörtlichen Sinn ins Visier. Im übertragenen Sinn lässt sich die Bedeutung mit »ins Auge fassen; anstreben« umschreiben. Ein anvisiertes Ziel ist also eines, das man sich gesetzt hat.

Trotz der ähnlichen Schreibweise hat avisieren eine etwas andere Wortherkunft. Es kommt vom französischen aviser = benachrichtigen, was wiederum von frz. avis = Meldung, Warnung abgeleitet ist. Im kaufmännischen Jargon ist das Avis die Ankündigung einer Lieferung oder Sendung. Wer etwas avisiert, kündigt es also an. Im Schweizerischen hat sich darüber hinaus die Bedeutung »benachrichtigen« verfestigt, zum Beispiel: »Im Treppenhaus ist das Licht ausgefallen, aber der Hausmeister wurde schon avisiert.«

Beide Wörter haben aber letztlich ihren Ursprung im lateinischen videre = sehen. Und auch semantisch gibt es, wie oben erwähnt, eine Gemeinsamkeit. Sie eröffnet sich dort, wo man das, was man anstrebt (anvisiert), gleichzeitig auch ankündigt (avisiert). So ist es durchaus möglich, nicht nur von anvisierten Zielen zu sprechen – also von Zielen, deren Erreichung man sich vorgenommen hat –, sondern auch von avisierten Zielen, wenn es um Ziele geht, die man nach außen hin kommuniziert – sprich: angekündigt – hat.

Julian von Heyl am 01.05.20
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Kommentare

1  Eesin

"AN-visieren" ist aber eine Fusion zweier Sprachen, und nicht EIN Fremdwort.

Geschrieben von Eesin am 20.07.20 16:12

2  Hans Lindemann

"wenn es um Ziele geht, die man nach außen kommuniziert hat".
"Kommunizieren" ist ein intransitives Verb, weshalb man niemals "etwas" kommunizieren kann. Das sollte bei korrekturen.de doch wohl hoffentlich bekannt sein...

Geschrieben von Hans Lindemann am 14.08.22 09:56

3  Julian von Heyl

Neben »sich verständigen, miteinander sprechen« verzeichnet der Duden schon seit längerem auch die Bedeutung »mitteilen«, im Großen Wörterbuch der deutschen Sprache mit folgenden Beispielsätzen:

die Umweltschützer drängen uns fortlaufend neue Maßnahmen zu ergreifen, lassen uns aber im Stich, wenn es darum geht, zu kommunizieren, was bereits erreicht wurde (Woche 2. 1. 98, 20);
Erfolgreiche Fusionen zeichnen sich … durch große Anstrengungen aus, von vornherein ein gut abgestimmtes Führungsteam zu bilden, das seine Vision für das fusionierte Gebilde offen kommuniziert (Woche 18. 12. 98, 10).

(c) DUDEN ‒ Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, 4. Aufl. Mannheim 2012

Geschrieben von Julian von Heyl am 14.08.22 10:26

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